Das hat für mich etwas mit Empathilosigkeit zu tun, wenn man "belastete" Künstler von ihrem Wirken vollständig trennen kann. Ab und an ist das Wirken nämlich unmittelbar geprägt von der "Belastung" des Künstlers. Aber ein Jeder wie er denkt.
Das hat für mich etwas mit Empathilosigkeit zu tun, wenn man "belastete" Künstler von ihrem Wirken vollständig trennen kann. Ab und an ist das Wirken nämlich unmittelbar geprägt von der "Belastung" des Künstlers. Aber ein Jeder wie er denkt.
Das überzeugt mich wiederum gar nicht. Als Hörer eines Musikstücks oder Leser von Literatur habe ich erst einmal nur mit den Werken zu tun. Wenn es eine „Belastung“ durch die Weltanschauung des Autors/Komponisten gibt die wirklich relevant ist, dann muss sie auch im Werk präsent sein. Im Falle von Wagners „Ring“ gibt es z.B. die Figur des Loge, die wie etliche Wagner-Interpreten bemerkt haben eine Judenkarikatur ist. Darauf kann dann der Regisseur reagieren und das auch – kritisch – zeigen. Selbst in diesem Falle betrifft das aber nicht die Substanz von Wagners Werk, denn Loge ist nur eine Nebenfigur und keine Hauptfigur in diesem Stück. Der Inhalt, um den es im „Ring“ geht, sind nun wirklich nicht die Juden. Da von einer „Belastung“ zu sprechen ist deshalb letztlich eine doch reichliche Übergewichtung dieses Motivs des Antisemitismus bei Wagner, dem man eine zentrale Bedeutung beimisst, die es einfach nicht hat.
Die Vorstellung, dass das Musikhören auf „Einfühlung“ beruht, ist gar nicht selbstverständlich sondern kommt aus der Romantik. Sie bezieht sich bezeichnend immer auf das Werk und seinen Ausdrucksgehalt und nicht den Urheber, also den Autor und Komponisten und seine Biographie. Diese Beziehung stellt nur der Rezipient her, wenn er denn will. Vieles, was der Künstler alles so denkt und meint, geht nämlich gar nicht in den Ausdrucksgehalt des Werkes ein. So auch der Hass auf Juden. Denn Musik rein als Musik kann einen Hass auf Juden gar nicht ausdrücken. Biographisch kann man z.B. herausbekommen, dass Robert Schumann mit seiner Fantasie op. 17 seine Liebe zu Clara Wieck (die spätere Clara Schumann) ausdrücken würde. Nur geht das eben nicht als Ausdrucksgehalt in das Musikstück ein. Das musikalische Gefühl bleibt hier unbestimmt, kann wenn überhaupt nur „Sehnsucht an sich“, „Liebe an sich“ ausdrücken – aber nicht die Liebe zu einer bestimmten Person. Dasselbe gilt für den Hass – wo es noch problematischer wird. Den Hass gibt es nämlich gar nicht ohne den Gegenstand, auf den er sich richtet. Er ist deshalb auch nicht musikalisch ausdrucksfähig, weil das musikalische Gefühl prinzipiell gegenstandslos ist. Wenn überhaupt, kann sich der Ausdruck von Hass so auch nur aus der Verbindung der Musik mit einem Text ergeben, wo das Hassobjekt benannt wird, wie z.B. bei Na z i-Rockmusik. In Wagners „Tristan“ gibt es eine solche tatsächlich ausweisbare „belastende“ Verbindung aber schlechterdings nicht. Die Verbindung von Wagners „Tristan“ mit Wagners Antisemitismus beruht deshalb auch nicht auf „Empathie“ („Einfühlung“) in den Ausdrucksgehalt und wirklichen Inhalt dieses Stücks, sondern bleibt eine äußerliche, im Gründe willkürliche Projektion. Albert Einstein war übrigens menschlich ein ziemliches Ekel. Müssen wir das etwa wissen, um die Bedeutung seiner Relativitätstheorie zu verstehen?
Wenn man den Urherber des Werks nicht kennt, ist eine moralische Hinterfragung gar nicht möglich. Dann bleibt nur das Werk an sich. Ist der Urheber tot (wie bei Wagner), dann fragt man sich, was die Verweigerung bringt.
Was anderes ist es, wenn der Urheber des Werks lebt und selbst moralisch zweifelhaft ist. Dann ist m.E. auch das Werk nicht mehr wesentlich. Sollte sich bspw. herausstellen, dass die Vorwürfe gegen Lindemann zutreffen, könnte der auch "Alle meine Entchen" zur Harfe singen, dann wäre der Konsum und damit die finanzielle Unterstützung ja fast schon Beihilfe. Bei Rammstein aber ist das Werk ja selbst schon "an der Grenze".
#62 Teilzitat Holger: .... dass Robert Schumann mit seiner Fantasie op. 17 seine Liebe zu Clara Wieck (die spätere Clara Schumann) ausdrücken würde. Nur geht das eben nicht als Ausdrucksgehalt in das Musikstück ein. Das musikalische Gefühl bleibt hier unbestimmt, kann wenn überhaupt nur „Sehnsucht an sich“, „Liebe an sich“ ausdrücken – aber nicht die Liebe zu einer bestimmten Person.
Ist jetzt OT - aber ein Gedanke hierzu: In diesem Falle wäre aber eine Verbindung von Schumanns Musik zu Clara Wieck durchaus auszudrücken gewesen, wenn er eine passende Passage aus einem ihrer Stücke in sein op. 17 eingebaut hätte.
Solche "Kniffe" gibt es doch bestimmt in der Musikliteratur - Beispiele zur Ehrung eines grossen Meisters gibt es in dieser Hinsicht ja auch.
#62 Teilzitat Holger: .... dass Robert Schumann mit seiner Fantasie op. 17 seine Liebe zu Clara Wieck (die spätere Clara Schumann) ausdrücken würde. Nur geht das eben nicht als Ausdrucksgehalt in das Musikstück ein. Das musikalische Gefühl bleibt hier unbestimmt, kann wenn überhaupt nur „Sehnsucht an sich“, „Liebe an sich“ ausdrücken – aber nicht die Liebe zu einer bestimmten Person.
Ist jetzt OT - aber ein Gedanke hierzu: In diesem Falle wäre aber eine Verbindung von Schumanns Musik zu Clara Wieck durchaus auszudrücken gewesen, wenn er eine passende Passage aus einem ihrer Stücke in sein op. 17 eingebaut hätte.
Solche "Kniffe" gibt es doch bestimmt in der Musikliteratur - Beispiele zur Ehrung eines grossen Meisters gibt es in dieser Hinsicht ja auch.
Das gibt es ja tatsächlich bei Schumann, er liebte die literarischen und verklausulierten Anspielungen - im Carnaval op. 9 Clara und Ernestine von Fricken als Masken in einem Rollenspiel. Und Schumann hat Variationen über ein Thema von Clara Wieck komponiert - die auch den zweiten Satz seiner 3. Klaviersonate bilden.
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