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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Buchtipp: Steffen Möller "Vita Classica - Bekenntnisse eines Andershörenden"


zatopek
18.11.2009, 19:00
Ich muss mal wieder ein Buch vorstellen und zwar dieses hier:

Steffen Möller: "Vita Classica - Bekenntnisse eines Andershörenden"

http://ecx.images-amazon.com/images/I/519lRO%2BesRL._SL500_AA240_.jpg


Am vergangenen Samstag habe ich es erstmals zufällig in der Buchhandlung gesehen, mitgenommen und gestern war es ausgelesen. Normalerweise brauche ich für ca. 460 Seiten wesentlich länger, aber das Buch konnte ich einfach nicht aus der Hand legen.

Worum geht es ? Möller ist Deutscher, der vor etlichen Jahren nach Polen gegangen ist und dort nach einer Zeit als Deutschlehrer, eine Karriere als Kabarettist, Schauspieler in einer Soap-Serie und als Moderator des polnischen Pendants zu "Wetten Dass ?" - letzteres allerdings recht erfolglos - hingelegt hat.

Vor allem aber ist Möller ein Hard-Core Klassik-Fan. D.H.: Klassik im Höresessel mit penibel ausgerichteten Lautsprechern und über eine sündhaft teure Anlage ist nicht sein Ding. Statt dessen hört er seit seinem dreizehnten Lebensjahr, bevorzugt von bereits mehrfach überspielten Compact-Cassetten (anfänglich; mittlerweile ist er auch bei der CD gelandet) oder über das Radio (WDR 3), täglich ca 16 Stunden klassische Musik - also eigentlich immer. Dass er damit während seiner Jugend eher einsam war, ist verständlich. Mit zunehmendem Alter treibt ihn die Frage um, wie es dazu kommen konnte. Am Ende gibt er auch einige Erklärungsversuche. Aber die genauen Ursachen werden wohl immer im dunkle der menschlichen Seele bleiben. Das Buch ist hochamüsant geschrieben, stellenweise sehr witzig, aber nicht - wie so viele andere Klamaukbücher - um dauernde "Lustischkeit" bemüht. Dabei gelangt er zu einigen durchaus interessanten Einsichten in das Wesen der klassischen Musik und deren Behandlung durch Musikwissenschaftler und Musikliebhaber. Nebenbei lernt man noch einiges über Interpretationen, wie etwa, dass man Mahlers Symphonien nur in den Einspielungen von Maurice Abravanel (http://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Abravanel) mit dem Utha Symphony Orchestra anhören kann.

Wir hatten hier ja auch mal - in einem mittlerweile geschlossenen Thread - die Frage, was klassische Musik für ihre Liebhaber so interessant macht. Möller meint dazu:

"Klassische Musik wird in Partituren niedergelegt, so dass es quasi eine platonische Idee des Werkes gibt, dafür aber unzählige Interpretationen. Immer wieder kann ein anderer Musiker kommen und die Noten schneller oder langsamer spielen. Der Klassik-Fan ist sich also der Vorläufigkeit seiner Musik bewußt. Man denkt, die Klassik sei unwiderruflich abgeschlossen - doch gerade der Klassik-Fan kann sich ständig einreden, das Beste liege noch vor ihm !"Dem kann ich mich nur anschließen - mal ganz davon abgesehen, dass es natürlich noch ganz andere Spielvariationen ausser Geschwindigkeitsänderungen gibt.

Ich könnte jetzt noch seitenweise zitieren, etwa seine Bemerkungen über Adorno, Schönberg oder Musikwissenschaftlern allgemein - denen er eher ablehnend gegenüber steht. Aber das würde dann doch zu weit führen.

Von mir eine dicke Empfehlung !

Markus Berzborn
18.11.2009, 21:23
wie etwa, dass man Mahlers Symphonien nur in den Einspielungen von Maurice Abravanel (http://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Abravanel) mit dem Utha Symphony Orchestra anhören kann.


Ist natürlich übertrieben, aber die sind wirklich nicht schlecht. Auch die Klangqualität ist teils hervorragend - zumindest bei den amerikanischen LP-Erstpressungen.

Diesen Herrn Möller habe ich neulich in einer Talk-Runde im Fernsehen gesehen, wo er genau über dieses Buch und seine Erlebnisse mit klassischer Musik sprach. Der Mann war wirklich ziemlich unterhaltsam.

Gruß,
Markus

Gerhard
18.11.2009, 21:33
Hallo Bernd!

Besten Dank für den Tipp! Kommt ganz vorne auf die Wunschliste und wird wohl nach meinem jetzigen Buch, das ich lese (die Stefan Zweig Biographie - Drei Leben Eine Biographie Stefan Zweig - von Oliver Matuschek), drankommen.

Bernd, ich habe eine Frage komplett off topic: Schon seit längerem interessiere ich mich für das Buch Ulysses von James Joyce. Es hat hier in einem der Threads eine Literaturdiskussion gegeben, aus der ersichtlich war, dass Du ein sehr belesener Mensch bist. In diesem Thread hatte ich auch gelesen, dass Du Ulysses gelesen hast und sehr schätzt.
1. Kann man dieses Buch ohne Kommentar lesen (es gibt ja da eine Kommentarversion - Leser bei Amazon.de schreiben, unkommentiert hätten sie das nicht geschafft) - ich habe mich mal über wikipedia schlau gemacht.
2. Glaubst Du kann man dieses Buch auch bewältigen, wenn man jeden Tag nur ein bißchen davon schafft (bei mir geht im Moment einfach nicht mehr zeitmäßig) oder ist das zum Scheitern verurteilt?

Besten Dank für Deine Hilfe!

Beste Grüsse

Gerhard

David
18.11.2009, 21:39
"Klassische Musik wird in Partituren niedergelegt, so dass es quasi eine platonische Idee des Werkes gibt, dafür aber unzählige Interpretationen. Immer wieder kann ein anderer Musiker kommen und die Noten schneller oder langsamer spielen. Der Klassik-Fan ist sich also der Vorläufigkeit seiner Musik bewußt. Man denkt, die Klassik sei unwiderruflich abgeschlossen - doch gerade der Klassik-Fan kann sich ständig einreden, das Beste liege noch vor ihm !"

Ist eine gute Erklärung für mich, auch wenn ich nicht bevorzugt Klassik höre.


Vor allem aber ist Möller ein Hard-Core Klassik-Fan. D.H.: Klassik im Höresessel mit penibel ausgerichteten Lautsprechern und über eine sündhaft teure Anlage ist nicht sein Ding.

Sehr vernünftig! Ist auch aus meiner Sicht absolut nicht notwendig, wenn man sich mit der Musik und nicht mit der Klangwiedergabe beschäftigt.

Markus Berzborn
18.11.2009, 21:48
1. Kann man dieses Buch ohne Kommentar lesen (es gibt ja da eine Kommentarversion - Leser bei Amazon.de schreiben, unkommentiert hätten sie das nicht geschafft) - ich habe mich mal über wikipedia schlau gemacht.
2. Glaubst Du kann man dieses Buch auch bewältigen, wenn man jeden Tag nur ein bißchen davon schafft (bei mir geht im Moment einfach nicht mehr zeitmäßig) oder ist das zum Scheitern verurteilt?


Bin zwar nicht Bernd, aber ich würde beide Fragen mit ja beantworten.
Etwas anderes ist es mit dem späteren Roman von Joyce "Finnegans Wake". Das ist wirklich dermaßen komplex, dass man ohne Sekundärliteratur nichts mehr versteht.
Das heißt, man kann es natürlich einfach lesen um der Schönheit der Sprache willen, aber von Verstehen kann da nicht mehr die Rede sein.
Allerdings muss man ja auch nicht unbedingt alles verstehen. ;O

Gruß,
Markus

Gerhard
18.11.2009, 21:54
Hallo Markus!

Besten Dank für Deine Antworten - mir war nicht bewußt, dass Du auch Ulysses gelesen hast - ich wußte es nur von Bernd.

Na, dann werde ich es in nächster Zeit einmal angehen!

Herzliche Grüsse

Gerhard

zatopek
18.11.2009, 22:14
...
Sehr vernünftig! Ist auch aus meiner Sicht absolut nicht notwendig, wenn man sich mit der Musik und nicht mit der Klangwiedergabe beschäftigt.

Er gibt auch eine sehr plausible Begründung. Leider finde ich die Stelle jetzt da hoc nicht, aber sinngemäß begründet er es so, dass er sagt, durch das vielmalige Hören derselben Stücke ergänzt er einfach die Stücke um den fehlenden Klang. Ich meine, ich hätte etwas vergleichbares von Profimusikern gehört, die ebenfalls recht wenig auf eine sehr hochwertige Anlage legen.

Übrigens spielt oder spielte Möller Klavier - mehr schlecht als recht - und Kontrabass. Seine Ausführungen zur Musik sind also nicht völlig laienhaft.

Markus Berzborn
18.11.2009, 22:25
durch das vielmalige Hören derselben Stücke ergänzt er einfach die Stücke um den fehlenden Klang.

Kann ich durchaus nachvollziehen.
Das funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Komplexitätsgrad der Musik.

Gruß,
Markus

zatopek
18.11.2009, 22:27
Bin zwar nicht Bernd, aber ich würde beide Fragen mit ja beantworten....


Markus ist mir zuvor gekommen, aber meine Antwort wäre dieselbe gewesen. Ich persönlich würde allerdings überlegen, ob ich nicht zuerst eine Biographie über Joyce lesen würde. Es gibt eine sehr gute von Richard Ellmann. Sie bietet imo wichtige Informationen über Joyce´s Leben und seine Zeit. Es muss aber nicht sein, das Buch ist durchaus aus sich heraus verständlich. Ein wenig Geduld muss man allerdings auch schon aufbringen, vor allem gegen Schluss, wenn Mollys Monolog über - ich glaube - ca. 40 Seiten in einem Satz das Buch beendet. Ein grandioses Finale. Ach so, und die Odysse von Homer zu kennen, wäre auch nicht schlecht. Das Buch heißt nicht umsonst "Ulysses". Da reicht aber eine Prosa-Übersetzung; muss also nicht das Original sein *Scherz* !

Viel Spass beim Lesen !

VG, Bernd

Gerhard
18.11.2009, 22:31
Hallo Bernd!

Besten Dank für Deine Antwort. Na, wenn zwei Kenner unabhängig voneinander das Gleiche sagen, kann ja nichts mehr schief gehen.

Ich werde es angehen, melde mich dann in 2 Jahren, wie es mir gefallen hat.

Beste Grüsse

Gerhard

Dr. Holger Kaletha
03.01.2010, 12:13
Steffen Möller: "Vita Classica - Bekenntnisse eines Andershörenden"

http://ecx.images-amazon.com/images/I/519lRO%2BesRL._SL500_AA240_.jpg


Worum geht es ? Möller ist Deutscher, der vor etlichen Jahren nach Polen gegangen ist und dort nach einer Zeit als Deutschlehrer, eine Karriere als Kabarettist, Schauspieler

Statt dessen hört er seit seinem dreizehnten Lebensjahr ...täglich ca 16 Stunden klassische Musik ...

Wir hatten hier ja auch mal - in einem mittlerweile geschlossenen Thread - die Frage, was klassische Musik für ihre Liebhaber so interessant macht. Möller meint dazu:

Hallo Bernd,

ich habe Steffen Möller mal in einer Fernsehsendung erlebt - bei Maischberger glaube ich. Da ging es u.a. um diese unsägliche Erika Steinbach. Sehr klug was er dazu aus "polnischer" Sicht sagte. Ein sehr sympathischer Mensch! Über sein Verhältnis zur klassischen Musik hat er da nichts erzählt! Ein toller Tip! Ich glaube allerdings, daß das mit den 16 Stunden satirische Übertreibung ist! Der Mann ist schließlich Kabarettist! ;O Er will wohl sagen: Auch klassische Musik ist sehr lebenstauglich, bereitet Lebenslust im Übermaß, was die meisten Menschen wohl nicht sehen können und wollen! Übrigens: Der Pianist Krystian Zimerman (Pole!), ein großer Klangperfektionist, hört seine Aufnahmen grundsätzlich nur über das Autoradio an! Das klingt paradox, aber wahrscheinlich will er gerade nicht die Details hören, wie wenn er am Flügel sitzt, sondern einen Eindruck vom Ganzen bekommen.

Was Möller über die Interpretation schreibt hat am besten finde ich der polnische Phänomenologe Roman Ingarden theoretisch gefaßt, der für seine Bücher über Ästhetik berühmt ist ("Das literarische Kunstwerk", "Das Musikwerk", "Das Bildwerk" usw.) Ingarden sagt: Das Kunstwerk ist kein wirklich existierendes Wahrnehmungsobjekt, das sich als ein vollständig gegebenes Ganzes kundgibt, sondern seine Unwirklichkeit, sein fiktionaler Charakter zeigt sich in seiner "schematischen Unvollständigkeit", es ist gleichsam nur skizzenhaft in seiner Darstellung der Realität. Da die Kunst aber zugleich eine Realitätsillusion vermittelt, gehört zum Werk (das nennt Ingarden "Aufbau") immer eine "Konkretisation" des lückenhaften "Aufbaus" durch den Rezipienten, der durch seine eigene Phantasie diese Lücken schließt. Erst durch die "Konkretisation" bekommt das Werk so etwas wie imaginäre Geschlossenheit, welche die Illusion der Darstellung der Realität gibt. Diese Konkretisation ist nicht einfach willkürlich, sondern im Werk angelegt. Der Roman ist für einen Leser geschrieben, er "will" gleichsam gelesen werden, die Erzählperspektive ist deshalb so, daß die Phantasie des Lesers konkret angeregt wird, er durch seine eigenen Erlebnisse die Geschichte mit Leben erfüllt. Bei den darstellenden Künsten, die der Aufführung bedürfen wie bei einem Theaterstück oder Musikstück hat die Rolle der Konkretisation die Inszenierung und Interpretation. Deswegen sagt Ingarden: Ob Beethovens 9. durch Toscanini oder Bruno Walter interpretiert wird, es ist dasselbe Werk (derselbe "Aufbau", dieselbe Partitur), aber die Konkretisation ist verschieden. Ich kann immer zwischen beidem unterscheiden. Und da Konkretisationen in gewissem Sinne "frei" sind, nicht durch den Aufbau (bei der Musik die Partitur) festgelegt sind, sondern der Kreativität des Interpreten oder auch Hörers herausfordern, macht das den Reiz klassischer Musik aus.

"Finnigans Wake" haben wir mal während meiner Studienzeit in einem Lesezirkel gelesen. Das ist wirklich unübersetzbar! Die Übersetzungen sind so unterschiedlich, damit kann man nicht viel anfangen. Diese Assoziationsfülle erschließt sich nur im englischen Original und auch da ist man als "ausländischer" Leser kaum in der Lage, die sehr konkreten lebensweltlichen Anspielungen zu verstehen. Es sollen aber wohl auch nicht alle verstanden werden - wie im Symbolismus wird der Leser am Deutungsgeschehen aktiv beteiligt. Auch das ist eine "Konkretisation"! ;O

Beste Grüße
Holger

Markus Berzborn
04.01.2010, 02:42
Diese Assoziationsfülle erschließt sich nur im englischen Original und auch da ist man als "ausländischer" Leser kaum in der Lage, die sehr konkreten lebensweltlichen Anspielungen zu verstehen.

Man kann sich aber damit trösten, dass auch ein Engländer die zum größten Teil nicht unmittelbar versteht. ;O

Joyce verwendet in dem Roman ja auch zahlreiche Begriffe, Wörter und Wortteile aus vielen anderen Sprachen.

Gruß,
Markus